Kälte in der Gebärmutter – wenn Wärme fehlt
Kälte in der Gebärmutter? Was soll das denn bedeuten?
Unsere Körpertemperatur liegt normalerweise bei etwa 37 °C. Wie kann es also sein, dass die Chinesische Medizin von einer „kalten Gebärmutter“ spricht?
Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ein bekanntes und insbesondere in der Gynäkologie wichtiges Syndrommuster. Der Begriff beschreibt einen energetischen Zustand, bei dem Kälte, mangelnde Wärme und eine beeinträchtigte Zirkulation von Qi und Blut im Unterbauch eine Rolle spielen.
Um das besser zu verstehen, möchte ich mit einem Beispiel aus der Praxis beginnen.
Eine junge Frau mit Menstruationsbeschwerden
Eine 30-jährige Patientin kommt in die Praxis und leidet jeden Monat unter wiederkehrenden Beschwerden:
- Krampfartige Schmerzen im Unterbauch (Dysmenorrhoe)
- Spannungsgefühl und Schmerzen in den Brüsten
- Prämenstruelle Beschwerden (PMS)
- und einem allgemeinen Unwohlsein rund um die Menstruation
Viele Frauen kennen diese Symptome.
Aus schulmedizinischer Sicht spielen bei Menstruationsbeschwerden unter anderem hormonelle Veränderungen und die Ausschüttung von Prostaglandinen eine Rolle. Diese Botenstoffe fördern die Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur und können Schmerzen verursachen.
Eine hormonelle Behandlung, beispielsweise mit der Antibabypille, kann bei manchen Frauen zu einer deutlichen Linderung führen.
Doch die Chinesische Medizin stellt noch eine andere Frage: Warum entwickelt gerade diese Frau diese Beschwerden?
„Behandle die Wurzel des Problems“
Dieser Grundsatz gehört zu den wichtigsten Prinzipien der Chinesischen Medizin.
In der TCM unterscheiden wir zwischen der Wurzel (Ben) und dem Zweig (Biao) einer Erkrankung. Der Zweig beschreibt die sichtbaren Symptome, während die Wurzel das zugrunde liegende Disharmoniemuster bezeichnet.
Zwei Frauen können also unter nahezu identischen Menstruationsbeschwerden leiden und dennoch aus Sicht der TCM unterschiedliche Behandlungsansätze benötigen.
Bei der einen Frau liegt möglicherweise eine Qi-Stagnation vor, bei einer anderen eine Blut-Stase und bei einer dritten spielt Kälte eine entscheidende Rolle.
Deshalb lautet mein Grundsatz:
Nicht allein das Symptom bestimmt die Behandlung, sondern das Muster, das hinter dem Symptom steht.
Was bedeutet Kälte in der Gebärmutter?
In der Chinesischen Medizin bilden Yin und Yang die Grundlage vieler physiologischer Prozesse.
Vereinfacht ausgedrückt steht Yin unter anderem für Ruhe, Substanz und kühlende Aspekte, während Yang für Wärme, Bewegung und Aktivität steht. Beide ergänzen und regulieren sich gegenseitig.
Die Gebärmutter, in der Chinesischen Medizin als Bao Gong bezeichnet, benötigt nach traditionellem Verständnis eine ausreichende Versorgung mit Qi, Blut und Yang.
Wärme steht in diesem Modell für die Fähigkeit, Prozesse in Bewegung zu halten und eine ungehinderte Zirkulation zu unterstützen.
Entsteht ein Kältemuster, kann aus Sicht der TCM die Bewegung von Qi und Blut beeinträchtigt werden.
Ein klassischer Leitsatz lautet:
„Kälte führt zur Zusammenziehung und Verlangsamung.“
In der TCM wird daraus erklärt, warum Kältemuster besonders häufig mit krampfartigen, zusammenziehenden Schmerzen in Verbindung gebracht werden. Typische Hinweise auf ein solches Muster können sein:
- Krampfartige Unterbauchschmerzen während der Menstruation
- Beschwerden, die durch Wärme gelindert werden
- Ein ausgeprägtes Kältegefühl im Unterbauch
- Kalte Füße und häufiges Frieren
- Dunkles Menstruationsblut mit Blutklumpen bei Kälte und Blut-Stase
- Ein verzögerter oder unregelmäßiger Zyklus bei bestimmten Kältemustern
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Fülle-Kälte und Leere-Kälte.
Bei Fülle-Kälte steht nach traditioneller Auffassung ein eingedrungener Kältefaktor im Vordergrund. Bei Leere-Kälte fehlt dem Körper ausreichend Yang, um die notwendige Wärme bereitzustellen.
Beide Muster können sich ähnlich äußern, erfordern jedoch unterschiedliche therapeutische Überlegungen.
Warum entsteht Kälte in der Gebärmutter?
Die Chinesische Medizin unterscheidet verschiedene mögliche Einflüsse. Dazu gehören äußere Kälte, innere Kälte durch Yang-Mangel und weitere konstitutionelle Faktoren.
1. Äußere Kälte – wenn der Körper auskühlt
Wer kennt das nicht? Man sitzt längere Zeit auf einem kalten oder feuchten Untergrund, trägt zu leichte Kleidung oder bleibt nach dem Schwimmen noch längere Zeit im nassen Badeanzug. In der traditionellen Denkweise können solche Situationen eine Belastung durch Kälte und Feuchtigkeit darstellen.
Kalte und feuchte Untergründe
Besonders bei Menschen, die ohnehin häufig frieren oder nach TCM-Kriterien eine Yang-Schwäche aufweisen, wird längeres Sitzen auf kalten Böden als möglicher begünstigender Faktor betrachtet.
Unzureichende Kleidung
Bauchfreie Kleidung, ein ungeschützter unterer Rücken oder dauerhaft kalte Füße werden in der TCM ebenfalls unter dem Gesichtspunkt äußerer Kälteeinflüsse diskutiert. Dabei spielen die Leitbahnen eine wichtige Rolle. Die drei Yin-Leitbahnen der Beine – Milz, Leber und Niere – stehen in enger Beziehung zum Unterbauch und zu gynäkologischen Funktionen.
Schwimmen während der Menstruation und das Tragen von nasser Kleidung
Der Körper reagiert in dieser Zeit empfindlicher als sonst, das liegt zum einen an unserem Hormonsystem, aber auch daran das der Muttermund sich während der Menstruation öffnet. Das bedeutet allerdings nicht, dass Schwimmen während der Menstruation grundsätzlich schädlich ist.
Nach traditioneller Auffassung kann längere Auskühlung durch kaltes Wasser oder nasse Kleidung bestehende Kältemuster verstärken. Entscheidend ist, wie die einzelne Frau auf Kälte reagiert und ob ihre Beschwerden dadurch tatsächlich beeinflusst werden.
Operationen und dies meint auch endoskopische Techniken am Unterbauch können eine Rolle spielen
Damit meine ich gynäkologische Operationen (Hysterektomien, Entfernung von Myomen, Zysten, Ausschabungen, eine Koniotomie, etc.) aber auch andere Operationen (kalte Räume, kaltes Instrumentarium, etc.) am Unterbauch, können zu einer Kälteproblematik im Unterbauch führen.
2. Innere Kälte – wenn das Yang geschwächt ist
Nicht immer wird Kälte in der TCM auf äußere Einflüsse zurückgeführt. Manchmal entwickelt sich ein Kältemuster aus einer inneren Schwäche heraus. In der Chinesischen Medizin sprechen wir dann häufig von einem Yang-Mangel. Yang wird traditionell mit der wärmenden, aktivierenden und transformierenden Funktion des Organismus in Verbindung gebracht.
Ist diese Funktion geschwächt, können sich unter anderem folgende Symptome zeigen:
- Ausgeprägtes Kälteempfinden
- Kalte Hände und Füße
- Müdigkeit und Erschöpfung
- Verminderte Belastbarkeit
- Neigung zu weichem Stuhl
- Unterbauchbeschwerden, die sich durch Wärme bessern
Insbesondere dem Nieren-Yang wird in der gynäkologischen TCM eine große Bedeutung zugeschrieben.
Dabei ist wichtig: Das TCM-Funktionssystem „Niere“ ist nicht mit dem anatomischen Organ oder einer schulmedizinisch nachweisbaren Nierenerkrankung gleichzusetzen.
Ernährung – kann zu viel Rohkost auskühlen?
Auch die Ernährung spielt in der Chinesischen Medizin eine wesentliche Rolle. In der chinesischen Diätetik werden Lebensmittel nicht nur nach ihren Nährstoffen beurteilt, sondern auch nach ihrer traditionellen thermischen Wirkung.
So gelten beispielsweise viele rohe Gemüsearten, Salate und bestimmte Obstsorten (insbesondere Südfrüchte) als kühlend. Auch zu viele kalte Getränke (aus dem Kühlschrank oder mit Eis versetzt) können bei entsprechender Konstitution das Yang schwächen (das Feuer löschen). Warme, gekochte Speisen werden dagegen häufig als bekömmlich und unterstützend für die Mitte angesehen.
Besonders bei Menschen, die ohnehin ständig frieren, wenig Energie haben und zu Verdauungsbeschwerden neigen, kann es aus TCM-Sicht sinnvoll sein, die Ernährungsgewohnheiten genauer anzuschauen. Die chinesische Ernährungslehre betrachtet hier vor allem die individuelle Konstitution.
Überlastung, Erschöpfung und Konstitution
Manche Menschen sind von Natur aus kälteempfindlicher als andere. In der TCM wird dies unter anderem mit der Konstitution und dem Zustand des Yang erklärt.
Auch lang anhaltende Überforderung, unzureichende Erholung und chronische Erschöpfung können innerhalb dieses Erklärungsmodells zur Entwicklung eines Mangelmusters beitragen.
Dabei betrachten wir nicht nur die Beschwerden, sondern auch die Lebensumstände der Patientin:
Wie schläft sie? Wie ernährt sie sich? Wie viel Stress erlebt sie? Fühlt sie sich dauerhaft erschöpft?
All diese Informationen fließen in die traditionelle Musterdiagnostik ein.
Welche gynäkologischen Beschwerden werden in der TCM mit Kälte in Verbindung gebracht?
In der chinesischen Fachliteratur werden Kältemuster unter anderem bei folgenden Beschwerdebildern diskutiert:
- Schmerzhafte Menstruation (Dysmenorrhoe)
- Bestimmte Formen von Zyklusstörungen
- Chronisch wiederkehrende Unterbauchbeschwerden
- Einzelne Formen von Fertilitätsstörungen
Auch bei Patientinnen mit Endometriose, Myomen oder einem polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS) könnte im Rahmen der Musterdiagnostik Kälte eine Rolle spielen.
Nicht jede Frau mit Menstruationsbeschwerden hat Kälte in der Gebärmutter!
Dieser Punkt ist mir besonders wichtig.
Die Chinesische Medizin kennt zahlreiche unterschiedliche Muster, die mit gynäkologischen Beschwerden einhergehen können. Neben Kälte spielen beispielsweise auch folgende Disharmonien eine Rolle:
- Leber-Qi-Stagnation
- Blut-Stase
- Blut-Mangel
- Nieren-Yin-Mangel
- Feuchtigkeit und Schleim
- Hitze- und Feuchte-Hitze-Muster
Deshalb wäre es falsch, jede Frau mit Menstruationsschmerzen einfach zu wärmen oder grundsätzlich mit wärmenden Kräutern zu behandeln.
Was einer Patientin hilft, kann für eine andere völlig ungeeignet sein.
Eine sorgfältige TCM-Anamnese mit Zungen- und Pulsdiagnostik sowie der Betrachtung des gesamten Beschwerdebildes bildet die Grundlage der traditionellen Musterdifferenzierung. Zungen- und Pulsdiagnostik sind dabei traditionelle Verfahren; ihre diagnostische Zuverlässigkeit ist wissenschaftlich nur begrenzt belegt. Sie ersetzen keine gynäkologische Untersuchung.
Die individuelle Konstitution entscheidet mit
Warum reagiert eine Frau empfindlich auf Kälte, während eine andere keinerlei Beschwerden entwickelt?
In der Chinesischen Medizin betrachten wir dazu die individuelle Konstitution, die Lebensweise und das Zusammenspiel verschiedener innerer und äußerer Faktoren.
Eine Schwäche muss dabei nicht immer vorliegen: Auch ein Fülle-Kältemuster kann im traditionellen Modell Beschwerden verursachen. Entscheidend ist, das Gesamtbild zu verstehen. Denn jeder Mensch bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit.
Genau darin liegt für mich eine der großen Stärken der Chinesischen Medizin: Sie lädt dazu ein, nicht nur einzelne Symptome zu betrachten, sondern den Menschen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen.
Mein Fazit
„Kälte in der Gebärmutter“ ist kein schulmedizinischer Befund, sondern ein traditionelles Erklärungsmodell der Chinesischen Medizin. Es kann innerhalb der TCM helfen, bestimmte Beschwerdemuster zu beschreiben und individuelle Behandlungskonzepte abzuleiten.
Wiederkehrende, starke oder zunehmende Menstruationsschmerzen sollten immer auch gynäkologisch abgeklärt werden – besonders bei ungewöhnlichen Blutungen, Fieber, Schmerzen außerhalb der Menstruation oder unerfülltem Kinderwunsch.
ChiShao – TCM-Fortbildungen
Birgit Kriener
TCM-Therapeutin und Dozentin
